Ackersegen


 
Ackersegen – mehr als eine Kartoffelsorte
Wort zum Erntedanksonntag von Pastor Ulrich Pohl, Bethel

Kartoffelferien! Bis Anfang der 1960er Jahre mussten vielerorts die Kinder mithelfen, die Kartoffelernte einzuholen. Dafür gab es schulfrei – eben Kartoffelferien, die mit dem Aufkommen von Kartoffelvollernte-Maschinen zu Herbstferien wurden. Fragt man in einer Seniorenrunde nach den Kartoffelferien, dann gibt es sofort jede Menge zu erzählen: Bei Wind und Wetter ging es raus, ob man wollte oder nicht. Die Ernte durfte nicht umkommen. Gerade in der Kriegs- und Nachkriegszeit war sie absolut überlebenswichtig. Ein Pferd zog den Kartoffelroder, der die Kartoffeln auspflügte. Mit den Händen wurden die Kartoffeln aufgesammelt, in einen großen Korb, der dann von Zeit zu Zeit von einem der Erwachsenen geleert wurde.


Max Liebermann „Kartoffelernte“ (1875) – Wikimedia-Commons

Die Arbeit war anstrengend. Da sind sich alle einig. Doch die Seniorinnen und Senioren erzählen auch mit leuchtenden Augen von Kaffeepausen mit Kuchen und Brot, vom Herumtoben auf dem Feld und vor allem von den abendlichen Kartoffelfeuern. Nach getaner Arbeit wurde das Kartoffelkraut aufgeschichtet und angezündet. Von weitem sah man die Feuer in der Dunkelheit leuchten. Kartoffeln wurden auf einen Stock gesetzt und im Feuer gegart. Eine Prise Salz drauf und dann … eine Delikatesse! Auch da stimmen alle zu. Am Ende eines Erntetages gab es entweder ein paar Kartoffeln mit nach Hause oder Kirmesgeld auf die Hand. Ein Senior berichtet: „Als ich meinem Enkel von den Kartoffelferien erzählte, schaute der mich mitleidig an und sagte „Kartoffel…was? Armer Opa!“ Als wir aber das erste Mal bei mir im Garten Kartoffeln ins Feuer warfen und später mit Salz und Butter aus der Schale löffelten, da fand er mich nicht mehr so arm,“ berichtet er mit einem Augenzwinkern. Kartoffeln – da kommt mir der „Ackersegen“ in den Sinn. Wer kennt noch diese mittlerweile historische Kartoffelsorte? Eine große fest kochende Kartoffel, die ordentlich sättigte und deutlich machte: Gottes Segen kann man auch schmecken! ulrich.pohl@bethel.de

NEUE WESTFÄLISCHE BIELEFELD, 27.09.2014 | www.maennertreff-joellenbeck.de
 


 
Abendgebet auf dem Kartoffelacker (Jean-François Millet, 1859 | Wikipedia )